Wenn man nicht sterben soll, dann stirbt man nicht, auch wenn man umgebracht werden soll

Geschichten in der ländlichen Gegend von Tumaco gehört.

17/03/2017 Tag D +106

Candelilla

Kreis

Tumaco

Departement

Nariño

Tumaco, 2003.
Die Männer kamen wie die Gangster im Kinofilm: mitten in der Nacht, in ländlicher Umgebung, genau zum Zeitpunkt des Stromausfalls, als die ahnungslose Familie im Dunkeln oder bei Kerzenschein zusammensitzt und sich unterhält. Sie suchten Don Da, wie Conchita ihren Mann Daniel nannte. Er schlief im Obergeschoss. Unten unterhielten sich die Kinder, während Conchita im Esszimmer in Papieren wühlte.

– Don Da ist zu einem Treffen gegangen, dahinten, bei einem Herrn Videncio, log Conchita.

Während die Männer hinausgingen und eine der Töchter in die angegebene Richtung schickten, stürmte Conchita die Treppe hinauf. Sie hielt ihm den Mund zu und flüsterte.

–Steh auf, die wollen dich umbringen.

Ungläubig richtete Don Da sich auf und sah vorsichtig aus dem Fenster. Unten stand ein Mann, man konnte hören, wie er seine Pistole nachlud.

Don Da saß immer noch auf der Bettkante, als Conchita zum zweiten Mal die Treppe hinaufstieg. Nur dass jetzt einer der Bewaffneten vorausging und mit seiner Taschenlampe jeden Winkel ausleuchtete. Don Da bekreuzigte sich.Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, mein Gott, mein Gott, dein Wille geschehe.

Jemand musste das nur in Gedanken geäußerte Stoßgebet gehört haben, als das Stampfen der Stiefel die Treppe heraufstieg. Irgendjemand hatte irgendwo seine Gedanken gehört, denn plötzlich zeigte ein gewaltiger Schatten mit seinem schwarzen Finger auf ihn. Einem Befehl gehorchend, den er nicht verstand, stand er auf und stellte sich wenige Zentimeter hinter die Türschwelle. Der Mann mit der Pistole und der Taschenlampe stieg die letzten Stufen hinauf und blieb ebenfalls in der Tür stehen. Don Das Nase berührte fast den Rücken des Mannes, aber dieser spürte den Atem nicht, so als würde Don Da nicht die warme Luft ausatmen, die er doch aus seinem Mund strömen fühlte. Der Lichtstrahl traf das Bett, die Wand gegenüber, den Nachttisch, die Wand hinter dem Mann, den Fußboden, den Raum unter dem Bett, hier war nichts, hier war niemand. Don Da war einige Minuten lang unsichtbar geworden. Die Männer durchsuchten die übrigen Zimmer, warfen Möbel um und deckten die Gesichter der Schlafenden auf, ohne den Gesuchten zu finden. Sie fluchten, fragten nachdem Geld, nach der Ware: Wo ist der Stoff? Wo ist der Stoff? Sie nahmen Don Das Motorrad und die drei Kilo Kokapaste, die er an diesem Morgen hergestellt hatte, mit und entfernten sich mit ihren Pistolen am Gurt.

Putumayo, 1995.
Während Conchita im Krankenhaus von Mocoa unter Schmerzen das Kind zur Welt brachte, musste ihr damaliger Ehemann feststellen, dass man ihnen ihr ganzes Hab und Gut geraubt hatte. Vom anderen Ende der Leitung sagte es die Stimme klar und deutlich: Wenn ihr auf eurem Land bleibt, werdet ihr umgebracht. Sie nahmen mit, was sie tragen konnten, und machten sich auf den Weg entlang der Pazifikküste nach Tumaco.

–Sie ist mit ihrem Exmann zusammen gekommen. Der hat sich hier aber nicht wohl gefühlt, denn der lebte vom Kokaingeschäft. Und das gab es hier damals noch nicht. Also ist er wieder gegangen, und Conchita ist hier geblieben. Conchita und ich leben jetzt schon seit zwanzig Jahren zusammen.

Tumaco, 2017.
Don Da denkt an sein Leben mit Conchita. Er denkt an die Landschaft, in der er lebt, an den Reis, die Kokapflanzen, die Palmen. Er denkt an die Zeiten, als der Blick sich in der Monotonie der regelmäßig angelegten Pflanzungen mit afrikanischen Palmen verlor, wo es zuvor nur bäuerliche Kleinbetriebe gegeben hatte, die sich selbst versorgten, oder auch unbebautes Bergland. Manche erinnern sich noch daran, wie viel die Speiseölgesellschaften dafür zahlten, den Wald zu roden, wo die Palmenpflanzungen entstehen sollten.

Als die Palmen schließlich einen Großteil des Landes bedeckten, begann man in der Nachbarprovinz immer häufiger das Summen von tief fliegenden Kleinflugzeugen zu hören. Am Himmel waren die Kondensstreifen zu sehen, wenn die Flugzeuge sich wieder entfernten, und von unten sah man die Giftwolke, die sich gleichermaßen auf die Kokasträucher, die Gemüsebeete, die Gewässer und die Köpfe der Bauern herabsenkte *.

Bauern, die von ihrem Land vertrieben worden waren, versuchten ihr Glück in der Provinz Nariño im Südwesten von Kolumbien. Aber mit ihnen kamen auch die Kokapflanze, die Erntehelfer für die Kokapflanzungen und die Anlagen zur Kokainherstellung. Die meisten der neuen Bewohner ließen sich in Tumaco nieder, da der Ort durch seinen Pazifikzugang besonders günstige Bedingungen für den Weitertransport der bereits verarbeiteten Droge nach Zentralamerika bietet. Die „Ankömmlinge“, wie sie von der einheimischen Bevölkerung genannt wurden, kamen aus den Provinzen Meta, Caquetá und Putumayo.

Es handelte sich um die Besprengung mit Glyphosat zur Ausrottung der Kokapflanze im Rahmen des „Plan Colombia“, einer von den USA finanzierten strategischen Allianz zur Bekämpfung des Rauschgifthandels.

Es kamen die „Ankömmlinge“, es kam die Kokapflanze, aus dem Landesinneren kamen aber auch die Guerilleros der FARC und die Paramilitärs vom „Befreiungsblock Süd“.

–Dieses ganze Land war früher Wald, Bergwald. Wald, der von den Menschen zum Holzfällen und für die Jagd genutzt wurde. Fuchs, Leguan, Reh, heute findet man keins von diesen Tieren mehr. Alles ist abgeholzt worden.

Die Einheimischen erinnern sich noch gut: Obwohl es durch die Palmenpflanzungen schon seit Jahrzehnten Zuwanderung und Rodung gegeben hatte, wurde das Gebiet erst ab dem Jahr 2000 in großem Maße besiedelt. Die Schwarzen und die Awá-Indigenen waren nicht länger unter sich. Die Ankömmlinge holzten den Wald ab und legten Kokapflanzungen an.

Es waren die Jahre, als Conchita und Don Da, die Frau aus der Gruppe der „Ankömmlinge“ und der Schwarze, mit ihrem Kanu die roten Kokasamen von Barbacoas in Ecuador flussaufwärts transportierten, um sie an Großabnehmer zu verkaufen. Sie säten aber auch selbst und heuerten Erntehelfer an, deren Aufgabe es war, die Sträucher zwischen ihre Beine zu klemmen und mit Kraft an den Zweigen zu reißen, um die begehrten Kokablätter abzutrennen.

Dann beginnt aber erst, genau wie bei den Kaffeepflanzungen weiter oben in den Bergen, der Verarbeitungsprozess: im einen Fall der Kokablätter, im anderen Fall der Kaffeekirschen. Die Kaffeearbeiter entfernen das Fruchtfleisch von den Kirschen und lassen sie gären. Die entfleischten Kerne werden wieder und wieder gewaschen, um den Schleim zu entfernen, schließlich werden sie in der Sonne getrocknet, bis ihre Oberfläche pergamentartig wird. In ihren improvisierten Hütten in den Bergen zerkleinern die Kokaarbeiter zunächst die Blätter. Wenn ihnen keine Schneidemaschine zur Verfügung steht, zerhacken sie die Blätter mit ihren Macheten. Benzin, Soda, und schon kann der Tanz auf den Blättern beginnen; dabei achten sie darauf, immer fest aufzustampfen und nicht den richtigen Zeitpunkt zu verpassen, um die übrigen Zutaten hinzuzugeben. Die Kaffeearbeiter dreschen die getrockneten Kaffeebohnen, sortieren sie, und nur die besten treten die Reise in die Fabriken in der Schweiz, in die Tassen und die Gaumen in Europa und den USA an. Die Kokaarbeiter sieben die Kokamasse und reinigen sie, bis alle Abfallstoffe entfernt sind. Schneiden, abwiegen, verkaufen. Die bei dem Prozess hergestellte Kokapaste wird verkauft und in die „Küchen“ verbracht, wie die wesentlich aufwändigeren Labore genannt werden, wo die Paste kristallisiert und so in das Kokain umgewandelt wird, das dann über den Pazifik und Zentralamerika seinen Weg zu den Nasen in Europa und den USA findet.

Bei der Kokapaste handelt es sich um das Zwischenprodukt im Gewinnungs- und Reinigungsprozess des Kokainchlorhydrats, der am weitesten verbreiteten Form des Kokainkonsums.

-Mit dem Kokain konnte man sich auch mit Geld in der Tasche nie sicher fühlen; man musste immer aufpassen. Wenn man in einem Guerillagebiet gearbeitet hat, konnte man den Stoff nicht bei den Paramilitärs verkaufen, denn die Guerilla hätte einen umgebracht. Wenn man in einem Gebiet lebte, wo die Paramilitärs das Sagen hatten, durfte man mit der Guerilla nicht einmal reden; die Paramilitärs hätten einen umgebracht.

Mit der FARC-Guerilla in den Bergen und den Paramilitärs in den Stadtgebieten kam der Krieg, kamen die Käufer der Blätter und der Paste und kamen die Steuern, einige davon gingen an die Guerilla und andere an die Paramilitärs.

Sprengkörper und Bomben flogen tief über den Himmel und erschütterten die Grundmauern der Häuser. Inmitten des Stammelns der nächtlichen Schüsse waren Conchita und Don da unter ihr Bett gekrochen, drückten die Stirn an den Boden und flüsterten: Die haben uns umgebracht, heute haben sie uns alle umgebracht, wen haben sie umgebracht?

Wenn sie von Candelillas herkommen, muss man sie töten, weil es Guerilleros sind. Wenn sie von Imbilí herkommen, muss man sie töten, weil es Paramilitärs sind.

Angriff, Explosion, Anschlag auf die Ölpipeline, Gefecht, Minen wie Mördersaat im Ackerland, Schüsse in der Luft, Tote, die auf dem Fluss trieben und an denen Schilder befestigt waren, auf denen stand, was demjenigen blühte, der sie aus dem Wasser zog und begrub. Leben und Tage im Herzen des Krieges.

Obwohl es die Kokapflanze gab, vertrauten die Menschen weiterhin der Palme, die legal war und ihnen Arbeit als Tagelöhner gab. Die Palme gehörte den Firmen, die auch die Papayafrüchte kauften, die auf den Feldern der Schwarzen zwischen den Bananenstauden wuchsen, das Holz, den Kakao, das Maniok und die Kokosnüsse. Plötzlich begannen die jungen Blätter der Plamen, sich gelb zu färben, die Blattspitzen verwelkten und die Palmen in Tumaco begannen reihenweise abzusterben. 2008 waren es schon Tausende Hektar mit toten, morschen und umgestürzten Palmen. Wenn Conchita sich an diese Bilder erinnert, denkt sie an die Flugzeuge, die das Glyphosat versprühten, um die Kokapflanzen abzutöten, dabei aber auch alles andere auf ihrem Weg vernichteten. Nicht nur sie und Don Da denken es, sondern viele andere auch: Das Gift war schuld.

Obwohl nie jemand den Zusammenhang zwischen dem Glyphosat und der Palmenkrankheit beweisen konnte und die Fachleute den Schimmelpilz der Papayapflanze, Phyophtora palmivora, als Ursache ansehen, war es nicht zu leugnen, dass die Palmen starben. Die Palmen verfaulten auf den Plantagen der Großbetrieb ebenso wie auf den Feldern der Kleinbauern, die wie Conchita und Don Da Kredite aufnehmen mussten, um sich am legalen Geschäft der Region zu beteiligen und die Weiterverarbeitungsfabriken zu beliefern. Als die Palmen tot waren, blieb ihnen nichts mehr.

Im gleichen Jahr brachen in verschiedenen Ecken des Landes, vor allem aber im Südosten, Träume von wirtschaftlichem Wohlstand zusammen, als der Staat Unternehmen unter Aufsicht stellte, die Kleinanlegern bis zu 150% Zinsen zahlten. Pyramidengeschäfte, illegale Geldaufnahme, Geldwäsche und Verschleierung von Einkünften aus illegalen Geschäften, sprich Drogenhandel. Schätzungen gehen davon aus, dass 80% der Einwohner von Tumaco ihr Geld, fremdes Geld, geliehenes Geld, die Einkünfte aus dem schnellen Verkauf von Haus und Hof, allesin die Pyramiden investierte. Auf dem Land und in den Städten beklagten sich viele, dass niemand mehr arbeiten wolle, denn die Menschen erhielten ihr Geld von Firmen mit narzisstischen Namen wie DMG (die Initialien des Eigentümers David Murcia Guzmán) oder verführerischen Bezeichnungen wie DRFE (Dinero Rápido Fácil y Efectivo, auf Deutsch etwa: schnelles und leichtes Bargeld). Wenn die Pyramiden zusammenbrachen, waren die Menschen ruiniert. Sie standen endlos lang in der Schlange, um herauszufinden, ob sie einen Teil ihrer Einlage zurückerhalten konnten. Sie warfen Steine auf die verlassenen Büros von DRFE und DMG. Es waren so viele von ihnen, allein und besitzlos. Dann, nur kurze Zeit später, trat der Fluss über das Ufer.

– Wir haben vier Pferde verloren, wir haben Schweine verloren, Hühner, den getrockneten Kakao, Töpfe, Teller, unsere Betten. Der Fluss hat das Holz mitgenommen, das Obst, die Palmen, die noch lebten, die Menschen, die Häuser. Er hat alles mitgenommen.

Das erzählt ein Bewohner des Stadtteils 16. Februar, das auch Grünes Haus genannt wird, denn am Anfang wurden alle Schäden an den Häusern einfach mit grüner Stoffbahn abgedeckt. Es war am frühen Morgen des 16. Februar 2009, als Menschen und Tiere noch schliefen. Candelillas, Imbilí, La Playa, La Playita, El Bajito, El Panal, Peña Colorada: Der Rio Mira riss viele Dörfer mit, betrügerisch und stark. Er drückte Häuser nieder, verwüstete Felder, schwemmte das ängstliche Brüllen der Tiere ins Meer hinaus. Das Wasser des Rio Mira spülte an diesem Tag alles fort.

Nach der Überschwemmung, dem Palmensterben und dem finanziellen Ruin durch die Pyramidengeschäfte pflanzten die Bauern, die bereits Koka anbauten, ein wenig mehr, und diejenigen, die bisher keine Koka angebaut hatten, jäteten, fällten Bäume und säten. Einheimische und Siedler vertrauten dem Kokablatt. Zwar gab es auch diejenigen, die Kakao pflanzten oder es mit der neuartigen Hybridpalme probierten. Aber es gab Koka, viel mehr als zuvor.

Es war genau in dieser Zeit, als das Kokageschäft richtig gut lief, als die Männer wie die Gangster im Kinofilm zum Haus von Conchita und Don Da kamen: mitten in der Nacht, in ländlicher Umgebung, genau zum Zeitpunkt des Stromausfalls, als die ahnungslose Familie im Dunkeln oder bei Kerzenschein zusammensitzt und sich unterhält. Mit der Pistole in der Hand betraten sie das Haus.

– Wenn man nicht sterben soll, dann stirbt man nicht, auch wenn man umgebracht werden soll.

Mit fester Stimme spricht Don Da über die Angst, die Flucht, die verzweifelte Suche nach Lösungen. Er sieht sich selbst im Gespräch mit dem Chef der Paramilitärs in der Stadt. Er möchte herausfinden, ob die Angreifer zu den Paramilitärs gehören, und wenn ja, was sie von ihm wollen und was er tun soll, um mit seiner Familie in Sicherheit zu leben. Nein, sie waren es nicht gewesen. Er sieht Conchita den Rio Mira hinaufrudern, um in El Playón mit der FARC-Kommandantin zu sprechen. Nein, die FARC waren es auch nicht gewesen. Irgendwelche anderen hatten den Überfall begangen und dadurch die Angst noch gesteigert, mit der Conchita und Don Da lebten, seit sie die Kokasamen verkauften. Nach dem Vorfall kauften sie Waffen, eine 9mm-Pistole, zwei Flinten und Munition. Nach Sonnenuntergang schlossen sie die Tür ab und wachten, während sie das kalte Metall streichelten. Niemand würde sie kampflos vertreiben.

Man kann nicht mehr ruhig schlafen. Man kann nicht ruhig essen. Man weiß ja nicht mal, ob die eigenen Arbeiter einen abknallen wollen, um mit dem Stoff abzuhauen. Es ist aber auch die Angst vor der Polizei. Stellen Sie sich vor, die schnappen einen mit sechs, sieben Kilo Kokapaste. Und dann ist das Geld weg, das man investiert hat, um das Kilo Koka zu verarbeiten, für das man am Ende vielleicht 500.000 oder 300.000 Pesos bekommt. Und noch viel mehr Geld ist dann weg, zahlen Sie mal einen Anwalt. Man muss seinen Besitz aufgeben, seine Kinder allein lassen. Soweit kann es kommen im Leben.

Letztlich beschlossen sie, ihr Leben zu bewahren und stattdessen lieber ihre 25 Hektar umfassende Kokapflanzung dem Urwald anheim zu geben, der sich das ihm entrissene Land schnell wieder einverleibt.

-Der Kokaanbau hat ja auch sein Gutes. Damit haben wir Land gekauft, wir haben mehrere Grundstücke gekauft und wir konnten uns das eine oder andere leisten. Das Geld, das wir mit dem Kokaanbau verdient haben, haben wir sinnvoll investiert. Man kann nicht sagen, dass alles schlecht war. Mit dem Kokaanbau haben wir uns ein paar Pesos verdient. Aber seit dem Überfall haben wir uns gesagt: Finger weg von der Kokapflanze; das Leben ist mehr wert als alles Geld der Welt.

Tumaco, 2017
Das ländliche Gebiet bei Tumaco liegt in völliger Dunkelheit. Vor ihrem Haus am Rand der Binationalstraße, einem nie fertiggestellten staubigen Weg, der nach Ecuador führt, unterhalten sich Conchita und Don Da, während sie auf ihren Plastikstühlen wippen.

Die Leute, die in den Bergen wohnen, können ihre Ernte nicht abtransportieren; sie müssen alles selbst essen oder verfaulen lassen. Aber abtransportieren ist nicht möglich. Bei der Koka geht es; man schnallt sich zehn Kilo auf den Buckel und schleppt sie raus, auch wenn es keine Wege gibt. Aber zehn Kilo Koka sind 15 oder 20 Millionen Pesos, das ist der Vorteil. Wenn es eine Straße gäbe, Verkehrswege, auf denen man die Produkte transportieren kann, dann ginge es uns mit der legalen Landwirtschaft genauso gut oder sogar besser, weil man dann ruhiger ist.

Maniok, Kakao, Kokosnüsse: Schokolade oder Pflanzenölstatt Maniokmehl. Das Spitzenprodukt in den ländlichen Gebieten Kolumbiens, das vor Ort weiterverarbeitet wird und so Mehrwert abwirft, ist das Kokablatt. In der Wertschöpfungskette erreicht es eine höhere Stufe. Da die Weiterverarbeitung vor Ort erfolgt, bleibt ein Teil des Geldes hier, bei den Bauern und den Erntehelfern, die von Pflanzung zu Pflanzung ziehen und arbeiten, wo sie benötigt werden, nicht anders als die Kaffeepflücker überall in Kolumbien oder die Helfer bei der Weinlese und Obsternte in Frankreich. Auch für die Fahrer der Motorradtaxis, die Betreiber der Motorboote, für Gaststätten und Kneipen fällt Geld ab. Die Illegalität des Produkts lässt aber auch eine Spur von Gewalt, Tod und Schmerz zurück, ganz besonders in den Gebieten, in denen legaler Anbau vom Staat nicht honoriert wird.

-Nach all den Tragödien, der Überschwemmung, den Pyramidengeschäften, dem Palmensterben, haben wir uns gefragt, wie es jetzt weitergehen soll. Reis! Wir können Reis pflanzen. Bei meinem Schwager in Putumayo habe ich das Saatgut geholt. Und wir haben begonnen, Reis zu pflanzen.

Don Da und Conchita bewarben sich bei Ausschreibungen verschiedener staatlicher Einrichtungen, um Kredite und Maschinen zur Weiterverarbeitung von Reis zu erhalten. Anleger aus Cali und Pasto investierten in ihren Betrieb, und bald konnten sie pro Hektar fünfeinhalb Tonnen Ernte einfahren, zu einem Preis von 1.500.000 Pesos pro Tonne.

-Aber alles kommt von Gott. Von einem Augenblick auf den anderen wurden die Reispflanzen von einer Krankheit befallen, die nicht zu kontrollieren war. Da waren die Investoren weg und haben alles stehen und liegen lassen. Aber wir können uns das nicht leisten, wir leben ja hier und müssen Reis essen. So geht das schon seit 2009.

Während Don Da erzählt, geht Conchita in ihr Wohnzimmer. Dort liegen tausend Kilo Reis, die auf der Terrasse in der Sonne getrocknet wurden und nun darauf warten, abgewogen, verpackt und verkauft zu werden. Am nächsten Morgen wird Don Da die Säcke einen nach dem anderen auf den Tank seines Motorrads laden und zu der Verarbeitungsanlage der Produktions- und Handelsgenossenschaft bringen, die sie mit 99 weiteren Familien zusammen gegründet haben. Dort wird der „Paddy“ -Reis zu „weißem Reis“ raffiniert. Dieser wird an die Lebensmittelläden der umliegenden Dörfer verkauft und geht von dort in die Haushalte.

-So machen wir das jetzt, das ist ganz anders als der Kokaanbau. Niemand verfolgt uns dafür. So macht die Arbeit viel mehr Spaß, mir kann jetzt keiner etwas wollen.

Conchita sitzt vor ihrem Haus und denkt daran, dass der Kokaanbau zwar im Leben ihrer Familie keine Rolle mehr spielt, dass aber nach wie vor überall im Land Kokapflanzungen gedeihen. Trotz aller Pläne zur freiwilligen Ersetzung durch andere Anbauprodukte im Rahmen der Friedensvereinbarungen zwischen den FARC und der Regierung, trotz der Soldaten, die versuchen, mit bloßen Händen die Sträucher auszureißen, trotz aller Selbstverpflichtungen der Gemeinderäte ist die Kokapflanze geblieben. Und vielleicht wird sie trotz aller Bemühungen auch weiterhin bleiben, denn ihr Verschwinden würde die Probleme der Bauern, die sie säen und ernten, nicht lösen. Vielleicht geht es der Kokapflanze genauso wie Don Da: Solange sie nicht sterben soll, stirbt sie nicht, auch wenn sie umgebracht werden soll.

„Ich arbeite jetzt als Wächter in der Schule hier in Candelillas. Aber in meiner Freizeit bin ich Landwirt. Wir bauen Reis an, wir bauen Maniok und Bananen an, für unseren eigenen Unterhalt“. Don Da


„Nach fünf Jahren hier habe ich angefangen, mich mit Kommunalpolitik zu beschäftigen, um mitzuhelfen. Hier in unserem Ort gab es nichts, nur eine Schule und eine Kirche in ziemlich schlechtem Zustand. Ich war Schatzmeisterin für die Stromversorgung hier in Candelillas, als es noch einen Stromgenerator für uns alle gab. Und nach langem Hin und Her kam dann der Anschluss ans Stromnetz. Seit zwölf Jahren bin ich Vorsitzende der kommunalen Selbstverwaltung“. Conchita