{"id":274,"date":"2018-03-20T17:31:09","date_gmt":"2018-03-20T17:31:09","guid":{"rendered":"https:\/\/cronicasdesarmadas.com\/de\/?p=274"},"modified":"2018-03-05T17:31:31","modified_gmt":"2018-03-05T17:31:31","slug":"alle-unsere-toten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/cronicasdesarmadas.com\/de\/alle-unsere-toten\/","title":{"rendered":"Alle unsere Toten"},"content":{"rendered":"<p><!-- ============================================== Historia # TODOS NUESTROS MUERTOS (GER) ============================================== --><\/p>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-2 \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_2 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-2-3 box_1\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>D<\/b>er Erste war Marcel. Danach wurde Maicol get\u00f6tet. Der n\u00e4chste Tote war Jair. In diesem Krieg, der nicht enden will, in dem die Kugeln aus allen Richtungen kommen und von Waffen unterschiedlichster Farben, die mit verschiedenen Fahnen geschm\u00fcckt sind, abgeschossen werden, gehen die Marcels, Maicols und Jairs in die Tausende, ja in die Hunderttausende.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_2\"><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-1 Title \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100\" style=\"text-align: right; font-size: 1.2em; font-weight: 500; padding: 2em 0em 1em;\">\n<h2>JAIR<\/h2>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ IMG-1 full \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContentFull layout_img colum_full pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-1\"><img src=\"https:\/\/cronicasdesarmadas.com\/wp-content\/themes\/CRONICAS\/assets\/images\/historias\/single-todos-nuestros-muertos\/2.jpg\" \/><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-2 \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_2 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-2-3 box_1\">\n<p>Ich nannte Jos\u00e9 Jair Cort\u00e9s immer nur den Ein\u00e4ugigen, aufgrund eines scherzhaften Telefonanrufs, der in den sozialen Netzwerken Verbreitung fand. Eine Stimme, die komisch klingen will, ruft mehrfach eine junge Frau an und gibt sich als \u201cder Ein\u00e4ugige\u201d aus. Da die junge Frau mit dieser Auskunft nichts anfangen kann und immer wieder nachfragt, wer denn da am Apparat sei, schreit der Anrufer immer wieder: \u201cDer Ein\u00e4ugige, der Ein\u00e4ugige!\u201d Unter schallendem Gel\u00e4chter spielte uns Jair die Aufnahme immer wieder vor, w\u00e4hrend wir \u00fcber die von Kokastr\u00e4uchern ges\u00e4umten Wege im Tiefland von Alto Mira und Frontera in der N\u00e4he der Grenze zu Ecuador fuhren.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_2\"><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-2 combinado \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_2 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_1\"><\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-2-3 box_2\">\n<p>Ein guter Teil des Territoriums, das nach langen K\u00e4mpfen den afrokolumbianischen Gemeinschaften des Hochlands als Kollektiveigentum zugesprochen wurde, wird von hellh\u00e4utigen Siedlern bewohnt, die auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen aus allen Teilen des Landes gekommen sind, um im Gebiet der Schwarzen Koka anzubauen. Der Kokaanbau ist einer der zentralen Punkte des Friedensabkommens zwischen der kolumbianischen Regierung und den FARC-EP. Die Kokastr\u00e4ucher sollen ausgerissen werden. Dabei handelt es sich allein in Tumaco um 23.000 Hektar Kokapflanzungen, die der Kokainherstellung dienen. Die Beseitigung der Pflanzungen soll auf zwei verschiedenen Wegen erfolgen. Einmal sind Scharen von Beamten unterwegs, die mit den Bauern freiwillige Vereinbarungen unterschreiben, in denen diese sich zur Ersetzung der Kokapflanzungen durch legale Anbauprodukte verpflichten. Und parallel dazu r\u00fcckt das Heer in die Anbaugebiete ein. Mit der Waffe in der Hand rei\u00dfen die Soldaten die Str\u00e4ucher aus der Erde. Auch wenn die afrokolumbianischen Bev\u00f6lkerungsgruppen, denen das Land geh\u00f6rt, die freiwilligen Vereinbarungen unterzeichnen, kommt es daher zum Krieg, wenn die zugezogenen Siedler nicht bereit sind, sich ebenfalls an der Umstellung zu beteiligen. Niemandem war dieses Dilemma so klar wie Jair.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-2 \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_2 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-2-3 box_1\">\n<p>Ich erinnere mich an Jair nicht nur so, wie meine Kamera ihn festgehalten hat. Ich erinnere mich daran, wie er neben seiner Ehefrau in der heimischen K\u00fcche wirkte. Ich erinnere mich daran, wie er mit seinen Kindern am Bach spielte. Ich erinnere mich auch, wie er auf dem R\u00fccken die Bananen schleppte, die er nicht verkaufen konnte, weil es keine M\u00f6glichkeit gab, die Fr\u00fcchte vom Feld zu den potentiellen Kunden zu transportieren. Ich erinnere mich daran, wie er eine Kokosnuss \u00f6ffnete und sich dabei mit seinem Neffen unterhielt.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_2\"><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-IMG full \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContentFull layout_text_img colum_2 right\">\n<div class=\"box_1\"><img src=\"https:\/\/cronicasdesarmadas.com\/wp-content\/themes\/CRONICAS\/assets\/images\/historias\/single-todos-nuestros-muertos\/3.jpg\" \/><\/div>\n<div class=\"woowContent1100 pure-g box_2\">\n<div class=\"woowTheContent pure-u-1-1 pure-u-md-1-3\">\n<p>Ich erinnere mich an seine Stimme am anderen Ende der Leitung:<\/p>\n<p>-Hallo.<\/p>\n<p>\u2013Wissen Sie, mit wem Sie sprechen?<\/p>\n<p>-&#8230;<\/p>\n<p>-Mit dem Ein\u00e4ugigen!!!<\/p>\n<p>\u2013Ein\u00e4ugiger, du willst also wirklich hinfahren? Ich habe geh\u00f6rt, das Treffen der Kommunalverwaltung in Tumaco soll wegen der Drohungen unter Polizeischutz stattfinden.<\/p>\n<p>-Nein, Ein\u00e4ugige, da fahre ich bestimmt nicht hin.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-2 \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_2 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-2-3 box_1\">\n<p>Am 5. Oktober 2017 protestierte eine gro\u00dfe Gruppe von Kokabauern in der Ortschaft Tandil im Gebiet von Alto Mira und Frontera. Sie wollten die Soldaten daran hindern, ihre Pflanzen, ihr Gesch\u00e4ft, ihren Lebensunterhalt auszurei\u00dfen. Am Ende lagen nicht nur ausgerissene Str\u00e4ucher, sondern auch sechs Tote auf der Stra\u00dfe. Die \u00dcberlebenden berichteten, die Waffen von Polizisten h\u00e4tten die Kugeln ausgespien.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_2\"><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-3 comillas \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_3 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_1\"><\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_2\" style=\"padding-left: 2em;\">\n<p>Der Kommunalrat der Afrokolumbianer ist f\u00fcr die freiwillige Beseitigung des Kokaanbaus, f\u00fcr die R\u00fcckkehr zu den traditionellen Anbauprodukten und f\u00fcr das Leben, denn das Gesch\u00e4ft mit dem Kokain bedeutet immer auch Waffen, Macht und Gewalt. Auch Jair stand auf dieser Seite. Zw\u00f6lf Tage nach dem Tod der Kokabauern in Tandil fiel auch der Ein\u00e4ugige der Gewalt zum Opfer.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_3\"><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-2 combinado \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_2 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_1\"><\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-2-3 box_2\">\n<p>Jairs Leichnam wurde auf einem der von der Gemeinschaft von Hand und mit der Machete angelegten Wege am Ufer des Rio Mira gefunden. Man sagt, es sei nachmittags um Viertel nach vier in der N\u00e4he der Ortschaft Restrepo geschehen. Man sagt, wie um eigenes Verschulden anzudeuten, er habe der f\u00fcr seinen Personenschutz zust\u00e4ndigen Polizeieinheit nicht mitgeteilt, dass er seine Angeh\u00f6rigen in dem Ort besuchen wolle. Vermutlich h\u00e4tten die kugelsichere Weste, das Mobiltelefon und die Transportpauschale, die ihm die Polizei aufgrund des bestehenden \u201eminderen Risikos\u201c zu seinem Schutz zur Verf\u00fcgung stellte, sein Leben auch nicht vor den Sch\u00fcssen seiner M\u00f6rder bewahrt.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ IMG-1 full \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContentFull layout_img colum_full pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-1\"><img src=\"https:\/\/cronicasdesarmadas.com\/wp-content\/themes\/CRONICAS\/assets\/images\/historias\/single-todos-nuestros-muertos\/4.jpg\" \/><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-2 \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_2 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-2-3 box_1\">Jair wurde get\u00f6tet, und er war nicht der Erste. Seit sich der Kommunalrat f\u00fcr das Gebiet von Alto Mira und Frontera gebildet hat, um dieses als Kollektiveigentum der schwarzen Gemeinschaften geltend zu machen, sind f\u00fcnf seiner Mitglieder und mindestens zehn weitere Kommunalpolitiker und Aktivisten get\u00f6tet worden.<\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_2\"><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-3 comillas \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_3 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_1\"><\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_2\" style=\"padding-left: 2em;\">\n<p>Ich spreche von Jair, aber ich k\u00f6nnte auch von Francisco Hurtado, Yolanda Cer\u00f3n, Armedio Cort\u00e9s, Patrocinio Sevillano, Genaro Garc\u00eda sprechen. Ich spreche von den Toten des Jahres 2017 im Gebiet von Alto Mira und Frontera, aber Tote gibt es dort seit mindestens zwanzig Jahren.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_3\"><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-2 combinado \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_2 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_1\"><\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-2-3 box_2\">\n<p>Einige wurden auf dem m\u00fchsamen Weg zur Beurkundung des Kollektiveigentums an ihren Territorien get\u00f6tet. Andere, die auf die Verflechtung von paramilit\u00e4rischen Verb\u00e4nden und Regierungstruppen hingewiesen hatten, wurden erschossen, so als wollten die M\u00f6rder sagen: Der spricht ja wie ein Guerillak\u00e4mpfer, die schreibt ja wie eine Guerillak\u00e4mpferin. Wieder andere wurden unterwegs von den Kugeln der Guerilla getroffen, w\u00e4hrend die Anf\u00fchrer der FARC im fernen Havanna verhandelten.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-2 \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_2 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-2-3 box_1\">Jair, der Ein\u00e4ugige, erz\u00e4hlte uns von Bananenstauden, von Kakaostr\u00e4uchern und Kokapflanzen, wobei seine Machete an seinem G\u00fcrtel baumelte. Er berichtete von dem Gift, das vom Himmel fiel und die B\u00e4ume versengte, ins Wasser eindrang und die Pflanzen in den Gem\u00fcseg\u00e4rten t\u00f6tete, w\u00e4hrend die Kokastr\u00e4ucher auf den viele Hektar umfassenden Pflanzungen unger\u00fchrt weiterwuchsen. Auf einem Stuhl vor dem Eingang zu seinem Haus sitzend, erz\u00e4hlte Jair von den Schwierigkeiten, mit denen ein Aktivist in einem Gebiet zu k\u00e4mpfen hat, das von allen begehrt wird. W\u00e4hrend er sich an den Tod von G\u00e9naro und an die Entschuldigungen erinnerte, die sp\u00e4ter in einem Video verbreitet wurden, sagte er:<\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_2\"><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-3 comillas \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_3 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_1\"><\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_2\" style=\"padding-left: 2em;\">-Und wenn Sie sterben, wer entsch\u00e4digt Sie dann f\u00fcr das verlorene Leben?<\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_3\"><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-2 combinado \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_2 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_1\"><\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-2-3 box_2\">\n<p>Wenn ich sage, dass mein Freund, der Ein\u00e4ugige, get\u00f6tet wurde, dann ist es, als w\u00fcrde ich sagen: Alle werden get\u00f6tet, M\u00e4nner und Frauen, die f\u00fchren, die verteidigen.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-1 Title \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100\" style=\"font-size: 1.2em; font-weight: 500; padding: 2em 0em 1em;\">\n<h2>MAICOL<\/h2>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ IMG-1 full \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContentFull layout_img colum_full pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-1\"><img src=\"https:\/\/cronicasdesarmadas.com\/wp-content\/themes\/CRONICAS\/assets\/images\/historias\/single-todos-nuestros-muertos\/5.jpg\" \/><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-2 \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_2 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-2-3 box_1\">\n<p>In seiner Geburtsurkunde stand der Name Gratiniano, aber f\u00fcr mich hie\u00df er Maicol, Maicol Stiven Guevara, das war sein Kriegsname, der in seiner Unterschrift in einem f\u00fcnfzackigen Stern auslief.<\/p>\n<p>Ich lernte Maicol im September 2016 kennen, in dem legend\u00e4ren Gebiet von Yar\u00ed, dem Schauplatz so vieler Siedlererz\u00e4hlungen, in der ausgedehnten Steppe, die nach Wald riecht. Er war ein 24j\u00e4hriger Guerillak\u00e4mpfer, und er war, wie alle, noch voll bewaffnet, obwohl es schon die Zeit war, als man immer mehr Waffen achtlos an den Pfosten der H\u00fctten h\u00e4ngen sah. Es war die letzte Konferenz der FARC-EP als aufst\u00e4ndische bewaffnete Gruppierung.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_2\"><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-2 combinado \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_2 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_1\"><\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-2-3 box_2\">\n<p>Ich erinnere mich an Maicol so, wie er in meiner Kamera zu sehen war: die Zeitung lesend und eine Zigarette rauchend, mit dieser eigenartigen Ruhe, die damals die bewaffneten M\u00e4nner und Frauen erfasste, die so pl\u00f6tzlich zum Zentrum der Aufmerksamkeit f\u00fcr Journalisten und Neugierige geworden waren. Ein paar Tage, bevor er get\u00f6tet wurde, das war ein Jahr nach unserer Begegnung, sah Maicol die Bilder, die ich in meiner Kamera und in meinem Ged\u00e4chtnis gespeichert hatte. In einer Nachricht schrieb er mir, er w\u00fcrde sich selbst fast nicht erkennen, und wenn sein Bruder die Bilder s\u00e4he, w\u00fcrde er ihn gewiss ebenso wenig erkennen. Na gut, so war ich in meinem fr\u00fcheren Leben, heute bin ich ein Anderer, schloss er den Chat.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-3 comillas \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_3 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_1\"><\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_2\" style=\"padding-left: 2em;\">Damals, als ich ihn kennen lernte, nahm sich Maicol zusammen mit den anderen viel Zeit f\u00fcr mich, und um zu verhindern, dass andere Kameratr\u00e4ger sie bel\u00e4stigten, tat ich im Gegenzug so, als sei ich mit ihnen sehr besch\u00e4ftigt. Maicol erz\u00e4hlte von seiner Kindheit, von der Liebe, von der Zukunft und von seinen \u00c4ngsten, w\u00e4hrend im Radio von der landesweiten Besorgnis \u00fcber den Ausgang der Volksabstimmung gesprochen wurde, mit der die Friedensvereinbarungen zwischen der Regierung und den FARC besiegelt werden sollten.<\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_3\"><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ IMG-Texto full combinado \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContentFull layout_text_img colum_2 left\">\n<div class=\"box_1\"><img src=\"https:\/\/cronicasdesarmadas.com\/wp-content\/themes\/CRONICAS\/assets\/images\/historias\/single-todos-nuestros-muertos\/6.jpg\" \/><\/div>\n<div class=\"woowContent1100 pure-g box_2\">\n<div class=\"woowTheContent pure-u-1-1 pure-u-md-1-3\">\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-1 simple \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-1\">Nachdem ich mit dem grellen Blitzlicht Dutzende Fotos der Guerillak\u00e4mpfer geknipst hatte, und nachdem ein Wolkenbruch \u00fcber die in Gummistiefeln Fu\u00dfball spielenden Krieger niedergegangen war, zeigte mir Maicol das Foto, das er in einem Plastikrahmen als Schl\u00fcsselanh\u00e4nger bei sich trug. Es zeigt ihn mit seinem Gewehr in Begleitung zweier Kameraden, die damals bereits tot waren.<\/div>\n<\/article>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-2 \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_2 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-2-3 box_1\">Am linken Handgelenk hatte Maicol einen Skorpion eint\u00e4towiert, am Unterarm einen f\u00fcnfzackigen Stern und am rechten Arm das Wort Laura, den Namen seiner Mutter. Statt Guerillak\u00e4mpfer w\u00e4re er lieber Fu\u00dfballprofi geworden; er war Fan der Clubs Am\u00e9rica und Barcelona, aber es ist anders gekommen, obwohl man nie aufh\u00f6ren soll zu tr\u00e4umen \u2013 so sagte er\u2013 mein gr\u00f6\u00dfter Wunsch ist es, dass der Krieg aufh\u00f6rt. Das ist mein Wunsch.<\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_2\"><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-3 comillas \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_3 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_1\"><\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_2\" style=\"padding-left: 2em;\">Maicol wurde get\u00f6tet. Am 12. September 2017 wurde Maicol ermordet. Sieben Sch\u00fcsse und sein Leichnam blieb auf der Landstra\u00dfe liegen, bis andere Bauern dort vorbeikamen. Da waren das wei\u00dfe Motorrad und die beiden M\u00e4nner aber schon l\u00e4ngst verschwunden.<\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_3\"><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-2 combinado \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_2 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_1\"><\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-2-3 box_2\">\n<p>Maicol wurde get\u00f6tet, und wenn ich von Maicol spreche, ist es, als w\u00fcrde ich einen der \u00fcber drei\u00dfig Namen aussprechen, die einmal Kriegsnamen waren. Fr\u00fchere Guerillak\u00e4mpfer und ihre Angeh\u00f6rigen, ermordet in Antioquia, in Caquet\u00e1, in Nari\u00f1o, in Cauca, in Putumayo, in Choc\u00f3, in Valle del Cauca, in Norte de Santander und in Arauca.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-2 \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_2 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-2-3 box_1\">\n<p>Maicol hatte das Wiedereingliederungslager verlassen und war in seine Heimat zur\u00fcckgekehrt, in das B\u00e4uerliche Reservat El Pato Balsillas, das erste b\u00e4uerliche Reservat Kolumbiens, das lange Zeit Kriegsschauplatz gewesen war.<\/p>\n<p>Man sagt, dass Maicol um zehn Uhr abends get\u00f6tet wurde, als er in der Ortschaft El Roble auf dem Heimweg war. Um 20:38 Uhr erhielt ich seine Nachricht:<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_2\"><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-3 comillas \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_3 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_1\"><\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_2\" style=\"padding-left: 2em;\">\n<p>-Hallo Schatz, wie geht es dir?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Meine Antwort kam zu sp\u00e4t, am n\u00e4chsten Morgen um 3:01 Uhr. Er war nicht mehr da:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u2013Hallo, hallo, wie geht es dir?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Maicol wurde get\u00f6tet.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_3\"><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ IMG-1 full \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContentFull layout_img colum_full pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-1\"><img src=\"https:\/\/cronicasdesarmadas.com\/wp-content\/themes\/CRONICAS\/assets\/images\/historias\/single-todos-nuestros-muertos\/7.jpg\" \/><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-2 \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_2 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-2-3 box_1\">Am 4. September schrieb er mir in einer seiner Nachrichten, er habe drei Wochen zuvor den Sammelpunkt zum \u00dcbergang ins Zivilleben in Miravalles, Provinz Caquet\u00e1, eins von insgesamt 26 Lagern zur Entwaffnung der FARC-K\u00e4mpfer, verlassen.<\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_2\"><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-3 comillas \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_3 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_1\"><\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_2\" style=\"padding-left: 2em;\">\n<p>Ich habe das Lager endg\u00fcltig verlassen, jetzt bin ich Zivilist!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weiter unten, in einer anderen Nachricht, schrieb er:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u2013Meine Pl\u00e4ne: studieren und arbeiten.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_3\"><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-1 Title \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100\" style=\"text-align: right; font-size: 1.2em; font-weight: 500; padding: 2em 0em 1em;\">\n<h2>MARCEL<\/h2>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ IMG-1 full \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContentFull layout_img colum_full pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-1\"><img src=\"https:\/\/cronicasdesarmadas.com\/wp-content\/themes\/CRONICAS\/assets\/images\/historias\/single-todos-nuestros-muertos\/8.jpg\" \/><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-2 \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_2 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-2-3 box_1\">Ich denke an Maicol, ich denke an Jair, und pl\u00f6tzlich fallen mir mit Schrecken auch andere Menschen ein, die ich kennen und lieben gelernt habe. Menschen, mit denen ich irgendwann in irgendeinem Winkel Kolumbiens zusammengekommen bin: Ich denke an das M\u00e4dchen, das in einem Nasa-Reservat mit einem Globus spielte; ich denke an die Zen\u00fa-Frauen, die voller Stolz auf dem fr\u00fcheren Schlachtfeld Auberginen anbauen; ich denke an die Wayuu, die in ihre Bucht zur\u00fcckkehren und auf ihrem Weg durch die Sand- und Salzw\u00fcste nachts voller Angst die Motorr\u00e4der h\u00f6ren, die durch ihre Siedlungen knattern. Ich denke an die Aktivisten der afrokolumbianischen und indigenen Gruppen, die bei ihren Fahrten \u00fcber Landstra\u00dfen und Fl\u00fcsse von der Gewissheit begleitet werden, dass ihr Leben jeden Augenblick durch einen Gewaltakt enden kann. Ich denke an den ermordeten B\u00fcrgermeister meines Dorfes, ich denke an das Blut, das, wie ich mich zu erinnern glaube, durch die Gosse der Hauptstra\u00dfe rann. Ich denke an meinen liberalen Gro\u00dfvater, wie er auf dem Berg stand, von dem die Toten beider B\u00fcrgerkriegsparteien, der Roten wie der Blauen, jahrzehntelang hinabgest\u00fcrzt wurden; ich stelle mir die Schreie vor, die der Felsgrat nach den Explosionen geh\u00f6rt hat. Ich denke an den friedlosen Ort, an dem ich zur Welt gekommen bin, ich denke an eine Nacht ohne elektrisches Licht, und an den Schusswechsel, bei dem eine ver\u00e4ngstigte junge Frau, meine Mutter, mit ihren drei kleinen T\u00f6chtern verzweifelt Schutz sucht.<\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_2\"><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-2 combinado \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_2 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_1\"><\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-2-3 box_2\">\n<p>Ich denke an die Toten, von denen die B\u00fccher der Chronisten seit Jahrhunderten sprechen, an diejenigen, die in wei\u00dfe oder schwarze Plastiks\u00e4cke verpackt, in den Nachrichtenredaktionen angeschwemmt werden, an die anderen, die im Gestr\u00fcpp verscharrt werden, an die zu Unrecht Verd\u00e4chtigten. Ich denke an die, die bald sterben werden. Der Krieg endet ja nicht, sondern verkleidet sich nur, und manchmal nicht einmal das.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-3 comillas \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_3 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_1\"><\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_2\" style=\"padding-left: 2em;\">Ich denke an die Lebenden und an die Toten, ich denke an die Kriege, die ich nicht verstehe. Ich denke an Maicol und an Jair, ich denke an Marcel.<\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_3\"><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-2 \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_2 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-2-3 box_1\">Marcel war jung wie Maicol; vielleicht sogar noch etwas j\u00fcnger.<br \/>\nDas liegt jetzt schon mindestens 17 Jahre zur\u00fcck. Wir besuchten gemeinsam eine Schule f\u00fcr Kampfsportarten, wo ich mich erfolglos darum bem\u00fchte, auf meine Atemtechnik zu achten, meinen K\u00f6rper zu verstehen und mich geschmeidig zu bewegen. Dagegen war ich stolz auf meine Kraft und meine guten Schl\u00e4ge. W\u00e4hrend der Ausbilder mich zwang, in einem Spiegel meine Atembewegungen zu beobachten, dachte ich nur daran, dem Sandsack den n\u00e4chsten Schlag zu versetzen.<\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_2\"><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-2 combinado \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_2 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_1\"><\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-2-3 box_2\">\n<p>Bei einem Routinetraining trat ich gegen Marcel an. Er war sch\u00f6n, von brauner Hautfarbe und mit gro\u00dfen Ohren, mein Vater h\u00e4tte gesagt, wie ein VW-K\u00e4fer mit ge\u00f6ffneten T\u00fcren. Er sah aus wie ein Inder oder ein Araber; er schien aus einem fernen Land zu kommen.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-2 \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_2 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-2-3 box_1\">Zuerst die Position Ma bu, mit durchgestrecktem R\u00fccken, wobei die Beine mit dem Boden einen rechten Winkel bilden, so als w\u00fcrde man auf einem unsichtbaren Pferd reiten.<br \/>\nEin Hieb mit der rechten Faust aus dem Schultergelenk heraus, ein Tritt mit dem linken Bein, eine schnelle Ausweichbewegung, ein Tritt mit dem rechten Bein, und pl\u00f6tzlich ergriff seine Hand meinen Kn\u00f6chel und fing die Bewegung ab, so dass ich in eine langsame Drehung versetzt wurde. Mein K\u00f6rper drehte sich um die eigene Achse, aber mein Fu\u00df auf dem Boden folgte der Bewegung nicht. Mein Kn\u00f6chel brach wie in Zeitlupe; Marcel war der einzige, der mir meinen Schmerz glaubte.<\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_2\"><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-2 combinado \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_2 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_1\"><\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-2-3 box_2\">\n<p>Marcel f\u00fchlte sich schuldig an meinem Gipsverband und besuchte mich einige Zeit lang in der kleinen Wohnung, in der ich mit meinen Schwestern lebte. Eines Tages kam er nicht mehr und als ich den Verband endlich los war und wieder in die Kampfsportschule gehen konnte, erfuhr ich, dass er sich auch dort nicht mehr hatte sehen lassen. Wir wussten fast nichts \u00fcber ihn; und so wie er aufgetaucht war, war er auch wieder verschwunden.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-2 \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_2 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-2-3 box_1\">\n<p>Eines Tages klingelte bei uns das Telefon und die Stimme am anderen Ende gab sich als Marcels Bruder aus. Marcel habe ihm von \u201edem M\u00e4dchen mit den roten Schuhen\u201d erz\u00e4hlt; damit war meine Schwester gemeint. Er wolle mit ihr sprechen, weil er ihr etwas sagen m\u00fcsse. Ich begleitete meine Schwester zu dem Treffen. Ich habe nur noch eine verschwommene Erinnerung an die Begegnung. Der Bruder sah Marcel \u00e4hnlich, war aber d\u00fcnner, gr\u00f6\u00dfer und wirklicher. Er berichtete zun\u00e4chst, was Marcel ihm von meiner Schwester erz\u00e4hlt hatte. Er sagte aber auch das andere. Sie hatten Marcel get\u00f6tet. Es sei in ihrem Heimatort an der Atlantikk\u00fcste geschehen. Marcel sei in das Dorf zur\u00fcckgekehrt, um dort zu arbeiten und sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. An dem Ungl\u00fcckstag hielt sich Marcel gerade in der Kneipe auf, die seinem Onkel geh\u00f6rte. Die \u00fcblichen Stammg\u00e4ste hatten sich dort versammelt. Pl\u00f6tzlich ging die T\u00fcr auf und zwei Bewaffnete betraten den Raum. Es waren Angeh\u00f6rige der paramilit\u00e4rischen Verb\u00e4nde, die sofort das Feuer er\u00f6ffneten. Marcels Bruder berichtete uns:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u2013Marcel und die anderen wurden get\u00f6tet.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_2\"><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-2 combinado \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_2 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_1\"><\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-2-3 box_2\">\n<p>Meiner Schwester und mir erschien das Ganze wie einem schwarzen Roman entnommen: so fern und so unwirklich, dass es einfach nicht in unsere kleine Welt passte. Wir glaubten dem Bruder und umarmten uns weinend. W\u00e4hrend wir noch durch die Stra\u00dfen gingen, beschlossen wir, dass das Geh\u00f6rte unser Geheimnis bleiben w\u00fcrde. Vielleicht taten wir dies aus Angst, aus Furcht, die Gewalt w\u00fcrde auch unsere Leben erfassen, wenn wir das Schweigen br\u00e4chen. Marcel wurde get\u00f6tet, und wir schwiegen.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-IMG full \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContentFull layout_text_img colum_2 right\">\n<div class=\"box_1\"><img src=\"https:\/\/cronicasdesarmadas.com\/wp-content\/themes\/CRONICAS\/assets\/images\/historias\/single-todos-nuestros-muertos\/9.jpg\" \/><\/div>\n<div class=\"woowContent1100 pure-g box_2\">\n<div class=\"woowTheContent pure-u-1-1 pure-u-md-1-3\">\n<p>Nach dem Treffen mit Marcels Bruder trug ich ein Jahr lang ein schwarzes Band am Handgelenk. F\u00fcr Maicol werde ich kein schwarzes Band tragen, und f\u00fcr Jair ebenfalls nicht. Ich habe Angst, dass ich, wenn ich damit anfange, meinen ganzen Arm mit schwarzem Flor bedecken muss, beide Arme, meinen ganzen K\u00f6rper, wie eine trauernde Mumie.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-2 \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_2 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-2-3 box_1\">Wir alle haben unsere Toten in Stille beweint. Und erst jetzt erkenne ich, wie schrecklich und traurig es ist, dass nur diejenigen, die mir zu Lebzeiten begegnet sind, meine Toten sind. Die Toten geh\u00f6ren uns nur dann, wenn wir eine winzige Erinnerung, einen Blick, eine Ber\u00fchrung im Ged\u00e4chtnis bewahren. Die anderen sind nicht unsere Toten, sie sind die Toten anderer, sie gehen in der Lawine von Ereignissen unter, sind Schlagzeile f\u00fcr einen halben Tag oder nicht einmal das. Es sind so viele, dass sie sich vermehren und wuchern wie das Unkraut auf der Weide, w\u00e4hrend wir, die Lebenden, nur versuchen, sie auszurei\u00dfen, sie aus dem Weg zu r\u00e4umen, weil sie unsere Ruhe, unser Gl\u00fcck st\u00f6ren.<\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_2\"><\/div>\n<\/article>\n<p><!--\/\/\/\/ Texto-2 combinado \/\/\/\/--><\/p>\n<article class=\"woowContent1100 layout_text colum_2 pure-g\">\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-1-3 box_1\"><\/div>\n<div class=\"pure-u-1-1 pure-u-md-2-3 box_2\">\n<p>Marcel wurde get\u00f6tet, Maicol wurde get\u00f6tet, Jair wurde get\u00f6tet. So viele sind get\u00f6tet worden; in diesem Augenblick werden Menschen get\u00f6tet. Es sind auch meine Toten. Sie alle sind unsere Toten.<\/p>\n<\/div>\n<\/article>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":275,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/cronicasdesarmadas.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/274"}],"collection":[{"href":"https:\/\/cronicasdesarmadas.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/cronicasdesarmadas.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/cronicasdesarmadas.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/cronicasdesarmadas.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=274"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/cronicasdesarmadas.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/274\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":303,"href":"https:\/\/cronicasdesarmadas.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/274\/revisions\/303"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/cronicasdesarmadas.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/275"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/cronicasdesarmadas.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=274"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/cronicasdesarmadas.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=274"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/cronicasdesarmadas.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=274"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}