Blanca, die kraft der berge

Wurzeln eines Volkes, von Pflanzen und von alten Flinten

12/01/2018 Tag D +407

Pueblo Nuevo

Kreis

Caldono

Departement

Cauca

1984, Schüsse in Santander de Quilichao

In einem abgelegenen Landstrich im Südwesten Kolumbiens, am Westhang der östlichen Andenkette, dort, wo der Rio Naya wild schäumend dem Pazifik entgegenströmt, stand eine schwarze Rauchsäule über dem Dach einer Küche und vermengte sich mit dem undurchdringlichen Nebel. Im Innern der Hütte hegten drei vom Ruß geschwärzte runde Steine, Vater, Mutter und Sohn, die Feuerstelle ein. Für viele handelt es sich einfach um einen Herd, aber für Blanca und ihr Volk ist es die “Tulpa”, ein heiliger Ort, wo Wissen weitergegeben wird und Geschichten erzählt werden. Mit ein paar Maiskörnern oder Kaffeekirschen in der Hand hörte Blanca die Stimme aus dem Radio: … ermordet … Pfarrer Álvaro … Schüsse … Santander de Quilichao…

Unverzüglich gab Blanca ihre kleinen Kinder in die Obhut einer Nachbarin. Mit dem Kind, das gerade in ihrem Bauch heranwuchs, und einem schäbigen Rucksack brach sie auf nach Santander de Quilichao. Neun Stunden lang folgte sie den staubigen Wegen, die sich wie Narben durch die Bergwelt ziehen. Als sie den Ort erreichte, hatte sich dort bereits ein gewaltiger Demonstrationszug gebildet. Wie alle anderen empfand sie Trauer und Wut.

Das Verbrechen war an der Einfahrt zum Kinderheim verübt worden. Als die Autohupe ertönte, lief eins der Mädchen sofort zum Tor, um zu öffnen. Von dort aus konnte sie sehen, wie der Mann auf der anderen Straßenseite von seinem Motorrad abstieg und auf das wartende Fahrzeug zuging. Während er die Straße überquerte, zog er eine Pistole hervor und näherte sich dem Auto, in dem der Pfarrer seine Hände auf das Lenkrad gelegt hatte. Die Augen des Mädchens trafen den Blick des Mannes. Sie schrie nicht und brachte auch sonst keinen Laut hervor. Auch als die Schüsse fielen, blieb sie wie angewurzelt stehen. Die Wagentür öffnete sich und der Pfarrer fiel auf den Feldweg. Der Täter betätigte noch einige Male den Abzug seiner Waffe. Dann stieg er auf sein Motorrad und brauste davon, mitten durch das Treiben an diesem schwarzen Novembermorgen in Santander de Quilichao.

Anders als alle anderen, die von den goldenen Kanzeln predigen, war Pfarrer Álvaro kein Weißer und auch kein Mestize. Pfarrer Álvaro Ulcué Chocué gehörte wie seine Freundin Blanca dem indigenen Volk der Nasa an. Er war der erste indigene Pfarrer Kolumbiens und sprach in den Kapellen und in den Bergen nicht nur vom Gott der Katholiken, sondern auch von besetztem Land, von Rechten, vom Kampf der Indigenen.

Blanca und die Übrigen, die sich an den folgenden Tagen versammelten, um gegen die Ermordung des Priesters zu protestieren, wetterten im Rauch der brennenden Autoreifen gegen diejenigen, denen sie die Schuld an dem Verbrechen gaben: die Betreiber der Zuckerrohrplantagen, die Großgrundbesitzer, die Polizei, der militärische Geheimdienst F2. Bei den Demonstrationen flogen Steine und auch Kugeln. Es gab Verletzte sowohl auf der Seite der trauernden Indigenen als auch bei den Polizisten.

Bis zu diesem Tag hatte Blanca ihre Pflichten als Grundschullehrerin gewissenhaft erfüllt und dabei versucht, die Zielscheibe zu verdrängen, die sie auf der Brust trug und auf die die Waffen des Kommandos Ricardo Franco * gerichtet waren. Zu diesem Zeitpunkt hatte der paranoide Plan der Guerillagruppe zur Beseitigung vermeintlicher Spitzel oder Verräter bereits begonnen.

Kommando Ricardo Franco, Guerillagruppe, die sich von den FARC losgesagt hatte und durch das Massaker von Tacueyó traurige Berühmtheit erlangte. Zwischen November 1985 und Januar 1986 folterten und töteten die Anführer der Gruppierung mindestens 164 ihrer eigenen Kämpfer, denen sie vorwarfen, Spitzel der kolumbianischen Armee und des CIA zu sein.

Einige Monate vor jenem traurigen Samstag besuchte Pfarrer Álvaro Blanca in ihrem Haus auf dem Bergrücken. Sie wollte ihm Bücher zurückgeben, die sie sich ausgeliehen hatte. Der Geistliche schenkte den kursierenden Morddrohungen keine Beachtung und traf mit seinem Kleinwagen erst nach neun Uhr abends ein.

– Nur die Ruhe, Blanca. Man stirbt nicht dann, wenn jemand sagt, dass er einen umbringen will, sondern, wenn man dran ist. Außerdem bin ich nicht allein. Die Geister und mein Gott sind bei mir.

Der Pfarrer war nicht das erste Mordopfer jener Jahre, als in der Provinz Cauca mit ihren Bergen und fruchtbaren Tälern immer mehr Bewaffnete zu sehen waren. Es waren die Jahre, als sich die Nachkommen der Ureinwohner zusammenschlossen, um das Land, das sie von ihren Vorfahren geerbt hatten, zurückzuerobern.

– Keine Sorge, Blanca. Wenn ich umgebracht werde, bleibt ihr übrig und setzt den Kampf fort. Das hat mir schon mein Vater gesagt.

Das Gleiche sagte ihr auch ihr Freund Moncho und ihr Ehemann Maximiliano. Etwas Ähnliches sagte ihre Mutter, während sie Pflanzenfasern zum Trocknen aufhängte. Sie alle starben. Blanca blieb am Leben. Heute geht sie mit grauen, von ihrem Hut bedeckten Haaren durch das heilige Berglande von Tierradentro, dem angestammten Land des Nasa-Volks. Blanca grüßt die Geister und bringt ihnen dort, wo so viele vorbeigezogen und so viele gestorben sind, ihre Opfer dar. Es war auch dort, wo vor langer Zeit Quintín Lame geboren wurde, der Nasa-Angehörige, der zur Legende wurde und nach dem später eine indigene Guerilla-Organisation benannt wurde.

Siebziger Jahre und zuvor.

Zu Beginn der siebziger Jahre waren schon viele Nasa-Indigene in die Hände der berüchtigten Bande gefallen, die sich selbst als “die Vögel” bezeichnete. Es handelte sich um eine Gruppe von Kriminellen, die sich in den Dienst von Großgrundbesitzern gestellt hatten und diesen behilflich waren, die Indigenen von ihrem angestammten Land zu vertreiben. Als die Indigenen begannen, sich zur Verteidigung ihrer Rechte und ihres Landes zu einer eigenen Organisation, dem Indigenen Regionalrat Cauca (CRIC), zusammenzuschließen, bildete sich gleichzeitig auch eine radikale Gruppierung, die sich später in die Guerillagruppe “Bewaffnete Bewegung Quintín Lame” verwandeln sollte. Benannt war diese nach dem legendären Indigenenführer, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts angeblich mehr als hundertmal inhaftiert worden war, weil er unablässig versucht hatte, sein Volk im Kampf um ihr angestammtes Land zu organisieren. Quintín Lame kämpfte für die Abschaffung des noch aus der Kolonialzeit stammenden Pachtwesens * und setzte sich für das Recht auf Landbesitz und für die Identität der indigenen Bevölkerung ein. Die viele Jahre später gegründete und nach ihm benannte Guerillabewegung, die von vielen als erste indigene Guerillabewegung Lateinamerikas angesehen wird, griff diese Ziele auf und kämpfte für die ethnischen und territorialen Ansprüche ihres Volkes, tat dies jedoch im Rahmen eines weit umfassenderen Krieges, in dem es auch um viele Interessen ging, die mit den Forderungen der Nasa nichts zu tun hatten.

Bei dieser Art des Pachtwesens war die einheimische Bevölkerung verpflichtet, dem Landeigentümer als Gegenleistung für die Nutzung der Parzelle einen Teil ihres Ertrags abzutreten oder für ihn Frondienste zu leisten.

In der Provinz Cauca leben die Nasa und die Misak seit der Kolonialzeit in Reservaten, aber der Druck, ihr Land an Siedler und Großgrundbesitzer abzutreten, führte zur Abwanderung vieler Indigenen, während andere zu abhängigen Pächtern auf den großen Gütern wurden. Obwohl die Großgrundbesitzer ihnen jede Art von Bildung verwehrten, gelang es einigen, wie Quintín Lame, die Sprache und die Gesetze der Weißen zu lernen, um so die Reservate zu verteidigen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzten die Indigenen ihren Kampf für die Abschaffung des Pachtwesens und den wirksamen Schutz der Reservate fort; im gleichen Maß nahm die Gewalt gegen die Anhänger Quintín Lames zu. An sicheren Reservaten, an stolzen und selbstbewussten Indianern hatten Großgrundbesitzer, Kommunalbehörden und Siedler wenig Interesse.

In den siebziger Jahren war die Provinz Cauca weiterhin Schauplatz der Kämpfe der Indigenen um das Land und ihre Kultur. Die organisierten Indigenen riefen zur „Wiedergewinnung der Mutter Erde“ auf; ihr Ziel war es, das Land, das ihren Reservaten und ihrem Kollektiveigentum entrissen worden war, zurückzugewinnen. Aber wieder kam mit dem Kampf um das Land auch die Gewalt.

Während sich die indigenen Gemeinschaften organisierten und der Indigene Regionalrat aufgebaut wurde, während Menschen von den Kriminellen getötet wurden, die im Dienst der Großgrundbesitzer standen und die Rückgabe des Landes verhindern wollten, wurde das Leben von Blanca, die bereits seit einigen Jahren mit Maximiliano verheiratet war und mit ihm mehrere Kinder hatte, in immer stärkerem Maße von Besuchern und von Waffen geprägt. Die Diskussionen zwischen den Eheleuten waren lang und wiederholten sich immer öfter. Streitthema war meist die wenige Zeit, die Maximiliano der Familie widmete, während die Sorgen und Angelegenheiten der Gemeinschaft, in der immer mehr Aktivisten der Gewalt zum Opfer gefallen waren, ihn immer stärker in Anspruch nahmen.

– Mein Mann Maximiliano war ein intelligenter Indianer, ein sehr intelligenter Indianer. Aber damals habe ich immer nur mit ihm gestritten, weil er fast nie zu Hause war, weil er fast nie bei mir war. Wir sind ja in einer Gesellschaft aufgewachsen, wo das Familienleben nur aus Kochen, Arbeiten und Sparen besteht.

Einmal waren die beiden gerade mit Sägearbeiten für den Hausbau beschäftigt, als sie in einiger Entfernung die Soldaten sahen. Maximiliano sah sie zuerst; er schlug sich sofort in die Büsche und lief über den Bergrücken davon, ohne dabei die Blätter zu berühren, wie ein Geist. In der Tat waren die Soldaten gekommen, um ihn festzunehmen; ihm wurde vorgeworfen, den aufständischen indigenen Gruppen anzugehören, die sich in dieser Zeit gerade bildeten. Wie so oft, gelang es den Soldaten auch diesmal nicht, Maximiliano zu finden. Statt seiner nahmen sie Blanca mit; sie musste ihre Kinder in der Obhut der Großmutter zurücklassen und sich, von den Soldaten flankiert, zu Fuß durch das Bergland auf den Weg nach Silvia machen. Von dort aus brachte sie ein Lastwagen ins Gefängnis in Popayán. Sie sollte aussagen, woher die Indigenen ihre Waffen bezogen, wer ihre Anführer waren, wer ihnen das Zielen und Schießen beigebracht hatte. Im Gefängnis schlief Blanca schlecht; sie wartete auf ihre Entlassung, auf Essen, auf Wasser.

– Ich sollte lügen, die Wahrheit sagen, egal was. Aber ich wusste ja nichts, was sollte ich mir da ausdenken. Nach acht Tagen wurde ich wieder freigelassen. Ich fühlte mich wie ein ausgehungerter Hund.

In jenen Tagen im Jahr 1976, als die aufständischen Gruppen allmählich die Berge, das Heideland und den dichten Wald erreichten, konnte man auf den Hügeln die wettergegerbten Gestalten sehen. Schlecht bewaffnete Indigene mit Schrotflinten und Buschmessern patrouillierten durch die Berge, um die Gemeinschaften zu beschützen. Einer von ihnen war Maximiliano.

Blanca erinnert sich noch genau, dass in dieser Zeit, als Maximiliano nur sehr selten zu Hause war, die Guerillakämpfer des M19 * immer öfter zu sehen waren. Sie sahen anders aus als die Einheimischen, sie waren groß, teils hellhäutig und teils schwarz, und sie kamen um Mitternacht oder vor Sonnenaufgang.

Die Abkürzung M19 steht für “Bewegung 19. April“. Die Guerillagruppe entstand als Reaktion auf den mutmaßlichen Wahlbetrug bei den Präsidentschaftswahlen vom 19. April 1970, bei denen Misael Pastrana zum Sieger erklärt wurde. Die Gruppe machte vor allem durch Guerillaaktionen in den großen Städten auf sich aufmerksam. Im Jahr 1990 schloss der M19 ein Friedensabkommen mit der kolumbianischen Regierung, legte die Waffen nieder und verwandelte sich in eine legale politische Bewegung.

Mit dem M19 war für die aufständischen Indigenen auch ein Bündnispartner entstanden, der ihnen die Möglichkeit bot, sich mit besseren Waffen auszurüsten und militärisches Training zu erhalten. Die Kommandanten des M19, Jaime Bateman und Iván Marino Ospina, leiteten 1977 die erste Ausbildungsschule, wo die Indigenen lernten, mit militärischen Waffen umzugehen. Im Gegenzug erhielten die M19-Kämpfer Zuflucht in strategisch wichtigen Berggebieten.

Damals, als die Armee und die “Vögel” mit der Begründung, es handele sich um Guerilla-Angehörige, begannen, immer mehr Kämpfer für die Landrückgabe gefangen zu nehmen und zu töten, versuchte Blanca mit tausend Argumenten, Maximiliano, der den Kriegsnamen Maximiliano Moctezuma angenommen hatte, dazu zu bewegen, den bewaffneten Kampf aufzugeben.

–Auch mein Vater sagte mir: “Wozu bleibst du auch mit dem zusammen? Er ist Guerillakämpfer und wird entweder getötet oder kommt ins Gefängnis. Und was soll dann aus dir und den Kindern werden?“ Ja, und genauso ist es gekommen. Aber ich habe doch viel von ihm gelernt. Er wurde ja nicht deshalb getötet und ist nicht deshalb ins Gefängnis gekommen, weil er ein Räuber oder Verbrecher gewesen wäre, sondern weil er die Rechte der indigenen Völker verteidigt hat.

Die militärische Ausbildung ging weiter und es kamen immer mehr Waffen und immer mehr Bewaffnete. Im Jahr 1979 führte der M19 die spektakuläre Operation „Blauwal“ durch. Dabei gelang es den Aufständischen, nach monatelanger Ausspähungstätigkeit einen Tunnel in die Nordkaserne in Bogotá zu graben, die aus der Luft die Umrisse eines Wals hat. Während die Wachsoldaten Silvester feierten, brachten die Guerillakämpfer 5000 Waffen in ihre Gewalt. An die Wand sprühten sie den bekannten Ausspruch einer lateinamerikanischen Comicfigur: „Ihr habt nicht mit meiner Schläue gerechnet.“ Viele der Waffen, die bei dem bis heute größten Waffenraub in der Geschichte der aufständischen Bewegungen Kolumbiens erbeutet wurden, gelangten nach Tierradentro in der Provinz Cauca. Mit den Waffen kamen aber auch die Regierungstruppen und die Repression. Nicht nur die Angehörigen des M19 wurden verfolgt und eingesperrt, sondern auch die mutmaßlichen Kollaborateure, die aufständischen Indigenen und sogar die Mitglieder des Indigenen Regionalrats, obwohl es sich bei diesem um eine völlig legale Organisation handelte, die nichts anderes tat, als sich für den Landbesitz und die Bewahrung der indigenen Kulturen einzusetzen. Die Landstraßen wurden mit Militärposten besetzt und die Massenverhaftungen folgten einander in dichtem Abstand.

In dieser Zeit besuchte Blanca ihren Freund Moncho im Gefängnis. Später wurde er erster Kommandant der Bewaffneten Bewegung Quintín Lame. Außer Moncho besuchte sie auch andere Freunde, die im Gefängnis saßen, während die erbeuteten Waffen in ihren Verstecken in den Bergen schlummerten. Moncho kannte zwar einige Angehörige des M19, hatte aber sonst keinen Kontakt zu der Gruppe. Als er aus dem Gefängnis entlassen wurde, kam ihm die Idee, eine indigene Guerillagorganisation zu gründen.

–Später habe ich Moncho in Mosoco getroffen. Ich fragte ihn: „Moncho, was machst du jetzt?“ Und er sagte mir: „Wir stehen im Kampf, wir müssen uns verteidigen. Wir müssen die Genossen verteidigen, die sich für das Recht auf Landbesitz einsetzen. Sonst bringen die Vögel uns alle um. Wir können ja nicht einfach tatenlos zusehen.“ Ja, und dann haben sie die Gruppe gegründet.

Danach begann ein Krieg mit vielfältigen Fronten. Während die Bewaffnete Bewegung Quintín Lame aufgebaut und verstärkt wurde, zog der M19 nach Süden, in die Provinz Caquetá, um der Verfolgung zu entgehen, die nach der „Blauwal“-Aktion eingesetzt hatte. In die Provinz Cauca rückte nun der Sechste Frontabschnitt der FARC ein, in ein Gebiet, in dem sich der Indigene Regionalrat bereits als oberste Einrichtung der indigenen Bevölkerung konsolidiert hatte. Es gab zahlreiche Auseinandersetzungen, viele Tote und noch mehr Drohungen. Es wird berichtet, die FARC hätten die Kämpfer für die Rechte der Indigenen wie gemeine Diebe behandelt und sich lieber mit den Großgrundbesitzern verbündet. In dieser Lage profilierte sich die Bewaffnete Bewegung Quintín Lame im Kampf um die Landrückgabe, die Ausdehnung der Reservate, den Schutz der indigenen Einrichtungen und das Recht auf autonome Organisation.

Achtziger Jahre, Trauer und Kampf.

Blanca erinnert sich genau, wie Maximiliano nach und nach Waffen ausgrub, die aus dem Überfall auf die Nordkaserne stammten. Er grub sie aus, reinigte sie, ölte sie ein und vergrub sie wieder in der Erde, als handele es sich um einen Leichnam oder um ein Maiskorn. Er vergrub die Waffen an Stellen, die außer ihm niemand kannte. Für diese Waffen war er verantwortlich, und er würde sie erst dann herausgeben, wenn die Gruppe als Ganzes eine entsprechende Entscheidung getroffen hätte.

Blanca erinnert sich auch an jenen Tag im Jahr 1984, als sie mit Pfarrer Álvaro kurz vor seinem gewaltsamen Tod bei einem Kongress in Tolima war. Sie hatte sich schon oft mit dem Geistlichen über die Rolle der indigenen Frauen bei der Verteidigung des Lebens und des Landes unterhalten. Blanca hört heute noch die Stimme am anderen Ende der Leitung:

–Genossin Blanca, Sie müssen sofort kommen. Ihr Mann wurde getötet.

Blanca hatte immer gewusst, dass Maximiliano nicht alt werden würde; und er selbst hatte es sicher auch gewusst. Kurz bevor sie den Anruf erhielt, hatte sie mit einem der geistlichen Führer, einem The Wala, wie er im Nasa-Volk genannt wird, ein traditionelles Ritual vollzogen, bei dem der The Wala durch die Weisheit des Donners und die Verwendung heiliger Pflanzen Kontakt mit Maximiliano aufnehmen konnte. In Trance hörte der The Wala Maximilianos Stimme:

–Ich bin schon wie ein Toter, kämpft nicht um mich.

Wie betäubt von dem Schmerz brach Blanca sofort auf, erreichte den Ort, wo sich der Leichnam Maximilianos befand, stellte Nachforschungen an, suchte nach den Mördern und fand sie. Sie trug eine Waffe an ihrem Gürtel, als sie sie weglaufen sah und stand plötzlich Moncho, ihrem Freund und Maximilianos Kampfgefährten, gegenüber. Moncho gab ihr eine Beruhigungstablette und umarmte sie. Er gab zu, dass es sich um ein Versehen gehandelt habe, dass es um die vergrabenen Waffen gegangen sei. Obwohl sie seine Hilfe zurückwies, versprach Moncho, dass er bis zu seinem Tod, der allerdings nicht mehr weit sein sollte, für Blanca und ihre drei Kinder sorgen würde.

–Wenn Außenstehende mich fragen, sage ich, dass der Feind Maximiliano getötet hat. Das stimmt aber nicht. Es waren unsere eigenen Leute, weil Maximiliano die Waffen nicht herausgeben wollte.

Als Blanca Maximiliano zum ersten Mal traf, war sie erst dreizehn Jahre alt. Es war in seinem Heimatort Tierradentro, in der Nähe des heiligen Sees, wo Juan Tama *, der Sohn des Donners und des Sterns, ausruhte, nachdem er auf die Erde gekommen war, um gegen die spanischen Eindringlinge zu kämpfen und sein Volk in der Verteidigung des Landes zu unterrichten.

Juan Tama war ein bedeutender Führer des Nasa-Volks. Man nimmt an, dass er im 16. Jahrhundert lebte. Später ging er in die Sagenwelt seines Volks ein. Er gilt als Sohn des Sterns, Anführer im Kampf gegen die spanischen Siedler und Lehrer der kulturellen Traditionen und der Regeln für das gesellschaftliche Zusammenleben der Nasa.

–Mein Mann stammt aus einem heiligen Ort. Ich glaube, dass er deshalb diese Weisheit und dieses Wissen hatte. Ich sagte ihm immer, wir sollten arbeiten, denn es gibt ja Leute, die durch ihre Arbeit etwas erreichen. Aber er hat immer geantwortet: „Blanca, das ist kein Leben. Unsere Aufgabe ist es, den Leuten beizubringen, wie man sich die Befreiung erkämpft. Dieser Staat bietet unseren Kindern kein Leben und keine Zukunft.“

Nach dem Tod Maximilianos hatte Blanca, die erst 25 Jahre alt war, das Gefühl einer völligen Leere.

– Ich fühlte mich völlig ausgelaugt, wie ein Blatt im Wind. Da habe ich wieder den Pfarrer Álvaro gehört, der bei uns die Gottesdienste gehalten hat. Er war ganz anders als die übrigen Priester. Er sprach von unseren Rechten, davon, dass auch wir Indigenen ein Gehirn haben und denken können. Wir sind ja verdummt worden, wir sind versklavt worden, man hat uns unseren ganzen Reichtum weggenommen. Wir sind wie dumme Kinder behandelt worden, man hat uns bis aufs Hemd ausgezogen. Aber der Pfarrer hat gesagt, wir sind reich, wir sind nicht arm.

Nach der Trauer um Maximiliano schöpfte Blanca wieder neue Kraft und begann, sich nicht nur am Kampf um das Land zu beteiligen, sondern diesen anzuführen.

–Nachdem sie Maximiliano getötet hatten, lief das Band in meinem Kopf erstmal leer. Dann begann ich, viele Dinge zu unternehmen, vom Kampf um das Land bis zur Verteidigung des Indigenen Regionalrats, der unter Verfolgung litt.

Später kam die Bedrohung durch das Kommando Ricardo Franco. Blanca floh mit ihren Kindern an den Rio Naya. Dort blieb sie bis zu dem Tag, als sie im Radio die Nachricht von der Ermordung von Pfarrer Álvaro hörte und zurückkehrte. Von da an gingen ihr die Worte des Pfarrers nicht mehr aus dem Kopf: “Wenn ich umgebracht werde, bleibt ihr übrig und setzt den Kampf fort.” Und der Kampf bestimmte fortan Blancas Leben.

Wurzeln in den Bergen

Maximiliano war tot, Pfarrer Álvaro war tot, Moncho geriet in einen Hinterhalt und wurde getötet, Blancas Mutter starb, als ein Lastwagen in einen Abgrund stürzte. Viele starben beim Kampf um das Land, andere im Gefecht. Der Drogenhandel nahm zu, der Anbau von Mohn, Koka und Marihuana. Mit den Drogenbaronen kamen auch die paramilitärischen Gruppen.

Während sich der Krieg immer mehr ausweitete und sich in ein vielköpfiges Ungeheuer verwandelte, brachten in den Bergen der Provinz Cauca viele Samenkörner ihre Wurzeln hervor. Zwischen Bohnen, Mais und Mohn schlugen aber auch die Nabelschnüre von Blancas Kindern und anderen Neugeborenen, die der Nasa-Tradition gemäß unter der Feuerstelle oder am Fuß eines mächtigen Baumes vergraben wurden, Wurzeln. Und auch die Waffen, die Maximiliano in die Erde gepflanzt hatte, die Abzüge und Gewehrläufe, keimten und schlugen Wurzeln.

Die Bewegung Quintín Lame setzte ihre Aktionen zunächst fort, zum Teil selbständig und zum Teil im Bündnis mit anderen Guerillaverbänden. Im Jahr 1991 wurde der bewaffnete Kampf eingestellt, da immer mehr Indigene zu der Überzeugung gelangt waren, dass dieser ihren Bestrebungen um Selbstverwaltung sowie um Aufbau und Festigung autonomer Institutionen abträglich war. Die olivgrün gekleidete indigene Guerillatruppe legte die Waffen nieder und kehrte heim*.

Im Jahr 1991 versammelten sich die Angehörigen der Bewaffneten Bewegung Quintín Lame in Pueblo Nuevo bei Caldono, um Friedensverhandlungen mit der kolumbianischen Regierung aufzunehmen. Im Mai des gleichen Jahres gaben 150 Kämpfer der Guerillagruppe ihre Waffen ab. Im Jahr 2017 sammelten sich am gleichen Ort zahlreiche FARC-Kämpfer, um im Rahmen des Friedensabkommens von Havanna ihre Waffen niederzulegen.

Von der Kraft ihrer Toten beflügelt, führte Blanca den Kampf ihres Volkes um das Land, die Autonomie und die Rechte der indigenen Bevölkerung an. Ihr Einsatz trug seine Früchte; in der neuen Verfassung wurden die Existenz und die Rechte der indigenen, afrokolumbianischen und afrokaribischen Bevölkerungsgruppen ausdrücklich anerkannt.

Blanca reifte zu einer Führungspersönlichkeit, wurde Gouverneurin des Reservats und musste sich in diesem Amt weiter mit dem Krieg auseinandersetzen, der in Gestalt von bewaffneten Einheiten und von Geisterflugzeugen, die im Tiefflug über die Berge donnerten und gelegentlich auch, von Kugeln getroffen, abstürzten, Teil ihres Lebens bleiben sollte.

Blanca wurde nicht nur Großmutter, sondern auch Vorsteherin, ein Ehrentitel, der bei den Nasa-Gemeinschaften nicht nur hohes Alter, sondern vor allem Lebenserfahrung, kulturelle Kenntnisse, Weisheit, spirituelle Stärke und Autorität beinhaltet.

– Manchmal wird es so dargestellt, als seien Frauen schwach und empfindlich, das stimmt aber nicht. Im Gegenteil. Wenn wir Kinder zur Welt bringen können, liegt das daran, dass wir stark sind. Das ganze Bildungswesen, das System, haben uns eingeredet, dass Frauen faul sind, dass wir verweichlicht sind, dass wir unbesonnen sind. Aber nein, wir sind sehr intelligent und stark, ich sage es aus eigener Erfahrung…

Blanca, die Vorsteherin Blanca, ist zusammen mit ihrer Enkelin und ihrer Tochter unterwegs. Ihre Tochter verbrachte eine kurze Zeit in den Reihen der FARC, kehrte aber dann inmitten der wütenden Stimme des Donnervaters zurück, der an jenem Tag über dem Bergrücken grollte, auf dem ihr Haus steht. Die drei wandern durch das heilige Bergland von Tierradentro. Zuvor haben sie die Geister um Erlaubnis gebeten, denn hier darf man nicht eindringen wie ein Dieb in der Nacht. Sie baden in dem eisigen Wasser des Bergbachs, um sich zu reinigen und dann die drei Steine aufzusuchen, die auf dem Gipfel stehen und auf den See hinabblicken. Genau wie die Steine der Feuerstelle repräsentieren auch diese Steine die spirituelle Familie aus Vater, Mutter und Kind.

Die Vorsteherin Blanca spricht auf Nasayuwe * mit den Bergen, während sie vergorenen Zuckerrohrsaft auf die Erde tropfen lässt, an die gleiche Stelle, die sie schon so oft aufgesucht hat, um Kraft zu schöpfen, dort, wo Maximiliano geboren wurde und wo so viele Männer und Frauen mit geschultertem Gewehr vorbeimarschiert sind. Es ist die Erde von Juan Tama und von Quintín Lame, dem Mann. Die Erde, wo das Leben derer, die nie zu den Waffen gegriffen haben, im Angesicht der Nasa-Götter verrinnt.

Nasayuwe, Sprache des Nasa-Volks.